Was hat der Holocaust mit dem Kannibalen von Rotenburg zu tun? Elfriede Jelineks Schauspiel "Rechnitz" löst in Düsseldorf einen Skandal aus, der es bis in die Harald-Schmidt-Show schafft.
Nach fünf Jahren ereignete sich in Düsseldorf wieder ein Theaterskandal. Damals, bei Shakespeares "Macbeth", hatten an die 300 Zuschauer nach einer Viertelstunde genug von Jürgen Goschs nackten männlichen Hexen auf der Bühne; jetzt, bei Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" setzt erst die letzte Viertelstunde den Stachel, der etliche Empörte aus dem Theater treibt.
Man hört im Dunkeln, halblaut gesprochen, den authentischen Dialog des sogenannten Kannibalen von Rotenburg, der sich zu seinem tödlichen Rendezvous verabredet. Das ist zu viel. "Aufhören!", rufen Düsseldorfer Bürger und Theaterfreunde; einer von ihnen spuckt beim Abgehen eine Regieassistentin an, als sie freimütig bekennt, sie sei stolz darauf, bei dieser Produktion mitzuwirken.
Stolz, nicht etwa sündenstolz. Der "Sündenstolz", der besser vielleicht Reuestolz hieße, ist ein Jelinekscher Schlüsselbegriff: Er zielt auf eine florierende Gedenkkultur, mit der man sich, wie die Autorin in einem Interview sagte, in festgelegten rhetorischen Formeln "und voll Selbstgenuss" von der NS-Vergangenheit distanziere und bei den nachfolgenden Generationen nur noch Unwillen erzeuge. Indem Jelinek diesen "Sündenstolz" scharf thematisiert, sät sie den eigentlichen Keim der Provokation.
Die Publikumsreaktion zeigt, dass es funktioniert. "Rechnitz" erzählt zwar davon, wie im April 1945 die Gäste einer Party auf einem gräflichen Schloss an der österreichisch-ungarischen Grenze 180 jüdische Zwangsarbeiter mit Gewehrsalven niedermetzelten. Aber die suggestive Kraft des Textes hat nicht bloß mit dem historischen Faktum zu tun, sondern auch damit, wie Jelinek Quellen unterschiedlichster Provenienz miteinander verbindet. Was hat der Holocaust mit dem Kannibalen von Rotenburg zu tun?
Bei der Uraufführung vor zwei Jahren an den Münchner Kammerspielen hat Jossi Wieler die Kannibalen-Passage gestrichen; in Düsseldorf rückt der Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer sie prominent an den Schluss. Es gibt dann nichts mehr zu sehen, es gibt nur noch diesen gruseligen O-Ton-Text, der seinen O-Ton unverfälscht beibehält, aus einer Black Box heraus zu hören. Während es einem Teil des Publikums kalt über den Rücken läuft, schreien andere: "Aufhören!"
Weil sie zu weit gehen will
Dass der Holocaust eine perfide logistische Leistung war, wie sie Peter Weiss in seinem Auschwitz-Stück "Die Ermittlung" schon vor 45 Jahren dokumentierte, wird (weiterlesen…)